Zeichnung: Seitenansicht eines Kopfes. Auf das Gehirn ist ein Post-it mit der Erde gepinnt.

Was ist das Shifting-Baseline-Syndrom - und ist es heilbar?

3 min
Pauline Vallée
🤝 Zusammen mit Météo-France
Kennst du die Geschichte vom Frosch im Kochtopf?
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Shifting-Baseline-Syndrom - was ist das?

Der Begriff beschreibt ein Phänomen, bei dem sich die Wahrnehmung bestimmter Dinge oder Vorgänge verändert, weil ein Mensch oder eine Gesellschaft die Erfahrungen früherer Generationen nicht kennt, bzw. sich schnell an die neue Situation anpasst. In diesem Fall geht es um das “Vergessen” oder “Verlorengehen” von Wissen über die Umwelt und das Klima, meist über Generationen hinweg, aber auch innerhalb eines Menschenlebens. Die Grundlinie (= Baseline) verschiebt sich (= shift), weil jede Generation nur ihr eigenes Zeitfenster wahrnimmt, nicht aber das große Ganze über Jahrhunderte hinweg. Man spricht auch von “ökologischer Amnesie”. Der Mensch gewöhnt sich so sehr an die Veränderung des Klimas und den Verlust der Artenvielfalt, dass er die neuen Zustände als normal wahrnimmt.

Wahrnehmung von Klimaveränderungen

Ein Beispiel für dieses Phänomen ist z.B., Temperaturen als alltäglich zu empfinden, die früher einmal die Ausnahme waren.

“Im Paris der 60er- bis 90er-Jahren kam es selten vor, dass im Sommer 35°C erreicht wurden. Es passierte alle 5 Jahre mal, und es war DER Tag der Hitzewelle. Seit 2009 kommt es jedes Jahr vor. Menschen in ihren 20ern kennen quasi nur diesen Zustand, für sie ist es ein normaler Sommer geworden.”
- François Jobard, Meteorologe bei Météo-France

In einer Studie von 2019 haben Forschende genau dieses Thema beobachtet und eingeordnet → Ergebnis: Es reichen im Schnitt fünf Jahre, bis die Menschen sich an außergewöhnliche Temperaturen gewöhnen.

Wahrnehmung von Veränderung der Artenvielfalt

Ähnlich sieht es bei der Biodiversität aus: Das Shifting-Baseline-Syndrom sorgt dafür, dass wir schnell akzeptieren, dass wir weniger (oder nur noch kleinere) Tiere sehen.

Ein Fachartikel zum Thema erklärt dazu, wie Fischer:innen sich im Laufe der Jahre daran gewöhnen, dass die Fischbestände kleiner werden. Wenn eine neue Generation anfängt, Fische zu fangen, dann sind die Bestände weiter geschrumpft, doch: als Referenz gelten lediglich die Bestände der vorangegangenen Generation - nicht aber, wie es in den Generationen davor war.

Andere Beispiele: Keine Unmengen an Insekten mehr, die auf Landstraßen an der Windschutzscheibe zerdrückt werden; sich wundern, dass man noch Vögel in den Feldern sieht; Fische, die weniger als 1 Meter lang sind, “große” Fische nennen…

Wo ist das Problem?

Problem Nr. 1: Es sorgt für Untätigkeit

Wenn wir uns an extreme Temperaturen gewöhnen können, warum sollten wir etwas dagegen tun? Das Shifting-Baseline-Syndrom fördert unsere (individuelle, politische…) Untätigkeit, da wir anormale Vorgänge nicht als anormal wahrnehmen.

“Wie sollen wir die Natur schützen, wenn wir nicht mehr wissen, wie ihr intakter, funktionsfähiger Zustand ist?” - Anne-Caroline Prévot, Wissenschaftlerin am CNRS und am französischen National-Naturkundemuseum


Problem Nr. 2: Wir verlieren Anhaltspunkte

Auch wenn wir ein Bewusstsein für Problem Nr. 1 schaffen, macht das Shifting-Baseline-Syndrom uns dennoch das Leben schwer: Wir wissen zwar, dass der aktuelle Zustand nicht normal ist, doch wir wissen nicht, welches Ziel wir erreichen müssen, da wir die “normale” Situation nie selbst erlebt haben.

“Die Status der Artenvielfalt zu Zeiten unserer Großeltern ist nicht derselbe wie der von heute, und wir können uns nicht vorstellen, wie er damals war. Wir verstehen nicht, dass es etwas Anderes geben könnte.” - Anne-Caroline Prévot


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🧐 Und jetzt?

Ändern, wie wir über das Wetter reden

Es wirkt wie ein Detail, doch es kann viel bedeuten: “Es ist schade, dass an sonnigen und trockenen Tagen immer von “gutem Wetter” geredet wird, obwohl Regen dringend nötig wäre.”, stellt François Jobard fest. “Mir ist es lieber, wenn über Sonne oder Regen berichtet wird als über “gutes” oder “schlechtes” Wetter”. Also: Lasst uns aufhören, den Regen zu hassen.

Wieder die Verbindung zur Natur ziehen

Das funktioniert sowohl durch Wissen (z.B. die Pflanzen um sich herum erkennen) als auch durch “intensive, sensorische Erfahrungen”, sagt Anne-Caroline Prévot. Die Wissenschaftlerin ermutigt uns alle dazu, sich mit der Natur um uns herum zu connecten: “Sich Zeit nehmen, die Bäume, Sträucher etc. um sich herum zu betrachten, die Insekten, die um uns herumschwirren, die Tauben in der Stadt…”

Darüber sprechen

Wie war das denn damals, die Natur, das Wetter, zu Zeiten deiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern? Frag sie doch mal!

Die Natur präsenter werden lassen

In der Politik und der Stadtentwicklung lässt sich einiges machen, das die Menschen wieder mehr mit der Natur verbindet und sie ihnen wieder zugänglicher macht. Zum Beispiel:

Überall grüne Flächen, Parks, Miniwälder etc. anlegen, vor allem in den Städten

Bei wichtigen Entscheidungen auf allen Ebenen auch an die Natur denken (politische Maßnahmen, schulische und berufliche Ausrichtung, Freizeitaktivitäten, Ernährung…)

Es sollte wieder cool werden, Zeit in der Natur zu verbringen, zum Beispiel, indem Umwelt ein wichtigeres Thema in der Pop-Kultur wird.

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👀 Quellen

PNAS - Rapidly declining remarkability of temperature anomalies may obscure public perception of climate change
Trends in Ecology & Evolution - Anecdotes and the shifting baseline syndrome of fisheries
Society for Conservation Biology - Evidence for shifting baseline syndrome in conservation
Interview mit François Jobard, Meteorologe bei Météo-France
Interview mit Anne-Caroline Prévot, Wissenschaftlerin am CNRS und am frz. National-Naturkundemuseum

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Pauline Vallée
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