Wirtschaftswachstum und Umwelt: Eine Echte Hassliebe

5 min
Nicolas Quénard& Pauline Vallée

Das Wirtschaftswachstum hat ökologische Grenzen (und somit Auswirkungen auf die Umwelt) + es ist (scheinbar) möglich, diese Grenzen zu verschieben. Was du noch dazu wissen solltest? Wir haben Delphine Pouchain (Dozentin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Sciences Po Lille) und Clara Botto (Studentin im Masterstudiengang Internationale Entwicklung und öffentliche Politik, Mitglied von Youth for Environment Europe) zu dem Thema befragt und spannende Antworten bekommen. Achtung festhalten - es geht um Bäckereien, Donuts und den heiligen Gral!


Was ist Wirtschaftswachstum?

First of all, kleiner Reminder an den Wirtschaftsunterricht: Das Wirtschaftswachstum entspricht der Zunahme der Menge an Gütern und Dienstleistungen, die in einem Land produziert werden. Einfach ausgedrückt, kann man damit den Zustand der Wirtschaft eines Landes zu einem bestimmten Zeitpunkt messen.

Das Wirtschaftswachstum wird berechnet durch:
  • die DPA
  • das BIP
  • die WHO

Laut Serge Latouche, einem französischen Wirtschaftswissenschaftler, basiert unsere gesamte Gesellschaft auf Wachstum und kann nicht ohne auskommen. Diese Abhängigkeit basiert auf drei Faktoren:

  • Werbung: Sie bringt dich dazu, immer mehr und mehr zu konsumieren.
  • Bankkredite: Dank ihnen kannst du immer weiter kaufen, auch wenn du kein Geld mehr hast.
  • Obsoleszenz: Die Dinge, die du kaufst, sind alle so programmiert, dass sie irgendwann nicht mehr funktionieren. Das bedeutet, dass du gezwungen bist, sie irgendwann zu ersetzen (und damit zu konsumieren).


Welche Auswirkungen hat das Wirtschaftswachstum auf die Umwelt?

Aus wirtschaftlicher Sicht ist Wachstum eine gute Sache. Es ist sogar eine Art heiliger Gral. Man verbindet es mit Arbeitsplätzen, Wohlstand und der Verringerung von Ungleichheiten (und mit nichts anderem). In Sachen Umweltschutz ist es aber ein wenig komplizierter.

Die Vorteile des Wirtschaftswachstums

Laut der Umwelt-Kuznets-Kurve (ein anderer Wirtschaftswissenschaftler) wäre Wachstum ab einem bestimmten Zeitpunkt theoretisch gut für die Umwelt. Dafür sprechen mehrere Gründe:

  • Je mehr Geld die Menschen haben, desto mehr sind bereit, dafür zu zahlen, in einer gesunden Umwelt zu leben. Das ist Postmaterialismus → Wenn wir nicht mehr wissen, was wir konsumieren sollen, achten wir auf die Lebensqualität und die Umwelt in unserer Umgebung.
  • Wachstum = technischer Fortschritt und Innovation. In naher Zukunft könnte es möglich sein, mithilfe von Technologien, die weniger umweltschädlich sind und viel weniger Ressourcen benötigen, genauso viel (oder sogar mehr) zu produzieren.

Die Nachteile des Wirtschaftswachstums

  • Wirtschaftswachstum ist in einer Welt entstanden, in der es keine physischen Beschränkungen gibt. Allerdings ist es unmöglich, ein unendliches Wachstum zu haben, in einer Welt, deren Ressourcen endlich ist. Heißt also: Das Konzept ist inzwischen eher realitätsfern.

  • Selbst wenn der technische Fortschritt uns eine umweltfreundlichere Produktion ermöglicht, als vor 200 Jahren, ist auch das keine Wunderlösung (zumindest nicht in Anbetracht der aktuellen Situation).

  • Wir wollen uns nichts vormachen: Das Wirtschaftswachstum und der daraus resultierende Lebensstil hat einen ökologischen Preis. Verschmutzung, Abfall, Treibhausgasemissionen... Die Folgen für unseren Planeten sind real und teilweise unumkehrbar.

Die Erde gibt es nur einmal und sie besitzt eine begrenzte Menge an Ressourcen. Auch wenn das Wirtschaftswachstum zu einem ökologischen Bewusstsein und einer Reihe von Innovationen führen kann (was cool ist), bringt es die Menschen dazu, immer mehr zu produzieren und zu konsumieren → das erzeugt viel Umweltverschmutzung und erschöpft den Planeten (und das ist nicht cool).


Kann man die Umwelt schützen UND das Wirtschaftswachstum beibehalten?

1420973 € gehen an die Person, welche die Antwort kennt! Wir können dir auch nicht die eine richtige Lösung sagen (sorry), aber wir fassen dir die Argumente beider Seiten zusammen:

Ja, klar geht das: Die Umweltökonomie

Die "Mainstream"-Ökonom:innen haben die Natur in ihren Gleichungen so ziemlich außen vor gelassen. Es war dann aber schwierig, so zu tun, als würden die natürlichen Ressourcen nicht immer knapper werden. Also musste die Natur wieder in die Rechnungen und Kalkulationen integriert werden. Diese Wirtschaftsströmung versucht nun, Wachstum mit Umweltschutz zu vereinbaren. Man nennt das nachhaltige Entwicklung, grünes Wachstum oder auch Bioökonomie.

Wie soll das gehen? "Die Ökonom:innen meinen, dass wir die Natur deshalb zerstören, weil sie uns kostenlose Dienstleistungen erbringt, so wie die Photosynthese* oder die Bestäubung*", erklärt Delphine Pouchain. “Natürliche Ressourcen haben aber keine Eigentümer: Bäume und Fische gehören niemandem".

Weil diese Dienste kostenlos sind, geht die Rechnung nicht auf (eine Dienstleistung kostenlos erbringen?? how dare you). Ihre Lösung: Diese von der Natur erbrachten Dienstleistungen mit einem Preis belegen. So fließen sie in die Gleichung mit ein.

Nein, das kann auf keinen Fall funktionieren: Wirtschaft FÜR die Umwelt

Neue Wirtschaftstheorien schlagen vor, das Wachstum zu begrenzen. Hier eine Kostprobe:

  • Die Donut-Ökonomie
Diese Theorie stellt eine Welt vor...
  • …in der die Menschen nur Donuts essen dürfen.
  • …in der die Erde die Form eines Donuts hat.
  • …in der die Menschen sich in einem donutförmigen Bereich aufhalten müssen.

Das Ziel ist also nicht mehr unendliches Wachstum zu erreichen, sondern nur noch die Grenzen des Donuts einzuhalten. "Diese Theorie wird derzeit nicht allzu ernst genommen", räumt Clara Botto ein, "auch wenn die Stadt Amsterdam sie zum Beispiel als Grundlage für die Gestaltung ihrer öffentlichen Politik übernommen hat."

Degrowth

Es gibt mehrere Definitionen für dieses Konzept. Im Großen und Ganzen besteht die Idee darin, aus dem Wirtschaftswachstum auszusteigen, indem man den Konsum reduziert. Warum nicht? Es gibt aber zwei große Probleme dabei:

  • Es wird belächelt oder die Menschen haben Angst davor. Die westliche Gesellschaft ist so sehr an das Wachstum gewöhnt, dass es völlig verrückt scheint, an DE-growth zu denken.
  • Wenn es keine:r will, wer soll dann den Mut haben, es durchzusetzen? "Wenn das Wachstum nicht angemessen geplant wird, besteht die Gefahr, dass es uns auf brutale und nicht unbedingt demokratische Weise aufgezwungen wird", warnt Delphine Pouchain.



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🧐 Und jetzt?

  • Die Konzepte besser erklären, damit sie weniger Angst machen.
Haben wir das geschafft?
  • Ja voll eyyyy
  • Nicht wirklich...
  • Wirtschaftsstudierende ausbilden (aka die Wirtschaftswissenschaftler:innen von morgen): "Selbst Wirtschaftsstudent:innen sind nicht gut auf diese neuen Themen vorbereitet", sagt Clara Botto. “Man müsste die Art und Weise ändern, wie Wirtschaft gelehrt wird, um zu zeigen, dass es heute viele Alternativen zum Kapitalismus und zum Wachstum gibt."

  • Clara meint, dass auch die Lehrenden in der Wirtschaft geschult werden müssten: "Die Bewusstseinsbildung muss auch von den Lehrenden der Ökonomie ausgehen. Die meisten sind brillant, aber sie unterrichten immer noch Konzepte, die nicht mehr aktuell sind. Sie sollten ihre Kurse auf den neuesten Stand bringen, um der heutigen Welt gerecht zu werden."

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🔍 Was bedeutet

Photosynthese: Eine von Pflanzen durchgeführte biochemische Reaktion, bei der Co2 in Sauerstoff und Nährstoffe umgewandelt wird.

Bestäubung: Natürlicher Prozess, der von bestäubenden Insekten (Bienen, Schmetterlinge usw.) durchgeführt wird. Sie sammeln Pollen und verbreiten sie in der Natur.

👀 Quellen

Interview mit Delphine Pouchain, Dozentin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Sciences Po Lille
Interview mit Clara Botto, Studentin im Masterstudiengang Internationale Entwicklung und öffentliche Politik, Mitglied von Youth for Environment Europe
The Guardian
Utopia
Deutschlandfunk
BMUV

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Nicolas Quénard
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